Tarierung – Vom Rettungsgürtel zum Wing-System


PRESSUREHUB WISSEN · TAUCHGESCHICHTE
Tarierung
Der jahrhundertelange Traum von der Schwerelosigkeit unter Wasser
Wer zum ersten Mal schwerelos über ein Korallenriff gleitet, erlebt einen der faszinierendsten Momente des Tauchens. Doch diese scheinbar mühelose Bewegung ist das Ergebnis einer langen technischen Entwicklung. Von einfachen Schwimmhilfen bis zu modernen Wing-Systemen verfolgte jede Generation dasselbe Ziel: den Auftrieb des Menschen unter Wasser kontrollierbar zu machen.
Der Atemregler löste das größte Problem des Tauchens:
Der Mensch konnte endlich unter Wasser atmen.
Doch sofort entstand ein neues.
Der Taucher konnte zwar frei schwimmen – aber er konnte seine Position im Wasser kaum kontrollieren.
Mal sank er unkontrolliert zum Grund. Mal stieg er ungewollt auf.
Mit jedem Meter Tiefe änderte sich außerdem der Auftrieb seines Neoprenanzugs.
Die nächste große Herausforderung lautete deshalb:
Wie wird ein Mensch unter Wasser wirklich schwerelos?
Das Problem
Der menschliche Körper besitzt von Natur aus nahezu neutralen Auftrieb.
Mit Tauchausrüstung verändert sich das jedoch erheblich.
- Die Pressluftflasche wird während des Tauchgangs leichter.
- Der Neoprenanzug verliert mit zunehmender Tiefe Auftrieb.
- Zusätzliche Ausrüstung verändert die Gewichtsverteilung.
Ein Taucher braucht deshalb ein System, mit dem er seinen Auftrieb jederzeit fein steuern kann.
Die ersten Lösungen
Die ersten Gerätetaucher nutzten überhaupt kein Tarierungssystem.
Sie arbeiteten ausschließlich mit Bleigewichten und ihrer Lunge.
Das funktionierte – allerdings nur eingeschränkt.
Schon kleine Änderungen der Tiefe führten zu deutlichen Veränderungen des Auftriebs.
Komfortabel oder präzise war das nicht.
Die Fenzy-Weste – Mehr Sicherheit als Tarierung
In den 1960er-Jahren kamen die ersten aufblasbaren Westen auf den Markt.
Bekannt wurde vor allem die Fenzy-Weste.
Ihr eigentlicher Zweck war nicht die perfekte Tarierung unter Wasser.
Sie sollte den Taucher im Notfall zuverlässig an die Oberfläche bringen.
Die Luftblase befand sich überwiegend vor dem Körper.
Das führte an der Oberfläche zu einer aufrechten Lage – ideal für Rettungssituationen.
Unter Wasser war die Kontrolle des Auftriebs jedoch noch vergleichsweise grob.

Das klassische Jacket
Mit zunehmender Beliebtheit des Sporttauchens entwickelten sich die Tarierwesten weiter.
Es entstand das Jacket, wie viele Taucher es heute kennen.
Die Luft verteilt sich um Oberkörper und Seiten.
Dadurch ließ sich der Auftrieb deutlich präziser steuern als mit den frühen Rettungswesten.
Für Millionen Sporttaucher wurde das Jacket zum Standard.
Es vereinte:
- Tarierung,
- Flaschenaufnahme,
- Tragesystem,
- Bleitaschen
in einer einzigen Ausrüstungskomponente.
Das Wing – Zurück zur Balance
Mit der Entwicklung des technischen Tauchens änderten sich die Anforderungen erneut.
Doppelgeräte, Stage-Flaschen und längere Tauchgänge verlangten nach einer anderen Gewichtsverteilung.
Die Lösung war das Wing-System.
Hier befindet sich die Luftblase ausschließlich hinter dem Taucher.
Dadurch entstehen mehrere Vorteile:
- bessere Wasserlage,
- freie Beweglichkeit,
- modulare Bauweise,
- hohe Stabilität bei Doppelgeräten.
Heute nutzen viele technische Taucher, Höhlentaucher und Wracktaucher Wings. Gleichzeitig entdecken auch immer mehr Sporttaucher die Vorteile dieses Konzepts.
Backplate – Weniger ist manchmal mehr
Das Wing entwickelte sich zusammen mit einer weiteren Idee:
der Backplate.
Statt eines gepolsterten Jackets trägt der Taucher eine stabile Platte aus Edelstahl oder Aluminium.
Sie übernimmt mehrere Aufgaben gleichzeitig:
- Träger für das Wing,
- Aufnahme der Flasche,
- Gewichtsersatz,
- stabile Verbindung der gesamten Ausrüstung.
Dieses einfache, modulare Konzept hat sich besonders im technischen Tauchen bewährt.
Tarierung ist mehr als Luft
Viele Anfänger glauben:
„Je mehr Luft im Jacket, desto besser.“
Das Gegenteil ist oft der Fall.
Eine gute Tarierung entsteht durch das Zusammenspiel von:
- korrekter Bleimenge,
- ruhiger Atmung,
- passender Körperhaltung,
- präziser Dosierung der Luft im Tarierungssystem.
Erfahrene Taucher verändern ihre Tiefe häufig um wenige Dezimeter – fast ausschließlich über ihre Atmung.
Das Tarierungssystem dient dabei nur zur Anpassung an größere Veränderungen.
Vergleich moderner Tarierungssysteme
| System | Typische Eigenschaften |
|---|---|
| Fenzy-Weste | Frontlastige Luftblase, hohe Oberflächensicherheit, grobe Tarierung |
| Klassisches Jacket | Luft um Oberkörper und Seiten, integriertes Trage- und Bleisystem |
| Wing & Backplate | Luftblase hinter dem Taucher, modulare Bauweise, stabile horizontale Wasserlage |
Der Blick in die Zukunft
Die Grundidee der Tarierung hat sich seit Jahrzehnten bewährt.
Dennoch entstehen neue Konzepte.
Eines davon ist Avelo.
Hier wird der Auftrieb nicht mehr ausschließlich über Luft im Tarierungssystem geregelt, sondern teilweise über eine gezielte Veränderung der Wassermenge im System.
Ob sich dieser Ansatz langfristig durchsetzt, wird die Zukunft zeigen.
Fest steht jedoch:
Die Suche nach der perfekten Schwerelosigkeit unter Wasser ist noch nicht abgeschlossen.
Bedeutung für heutige Taucher
Tarierung ist weit mehr als Komfort.
Sie beeinflusst:
- den Luftverbrauch,
- die Sicherheit,
- den Schutz empfindlicher Unterwasserlebensräume,
- die Wasserlage,
- den Kraftaufwand.
Wer seine Tarierung beherrscht, taucht entspannter, sicherer und hinterlässt weniger Spuren.
PressureHub Insight
Die größte Entwicklung der Tarierung bestand nicht darin, immer größere Luftblasen zu erzeugen.
Sie bestand darin, den Taucher immer besser auszubalancieren.
Moderne Wing-Systeme zeigen eindrucksvoll, dass oft nicht mehr Material oder mehr Luft entscheidend sind – sondern eine durchdachte Gewichtsverteilung und ein modulares Gesamtkonzept.
Interessante Fakten
- Die Fenzy-Weste gilt als einer der wichtigsten Vorläufer moderner Tarierwesten.
- Jackets wurden ursprünglich entwickelt, um Tarierung und Flaschentragesystem zu kombinieren.
- Wings entstanden aus den Anforderungen des Höhlen- und Wracktauchens.
- Eine Edelstahl-Backplate ersetzt je nach Modell rund 2–3 kg Blei.
- Gute Tarierung reduziert den Luftverbrauch und schützt Korallen sowie andere empfindliche Lebensräume.
Häufige Fragen zur Tarierung
Warum braucht man überhaupt ein Tarierungssystem?
Mit zunehmender Tiefe und sinkendem Flaschendruck verändert sich der Auftrieb eines Tauchers. Das Tarierungssystem hilft, diese Veränderungen auszugleichen und eine neutrale Wasserlage zu halten.
Was ist der Unterschied zwischen Jacket und Wing?
Beim klassischen Jacket verteilt sich die Luft um den Oberkörper. Beim Wing liegt die Luftblase ausschließlich hinter dem Taucher. Dadurch verbessert sich häufig die Wasserlage und das System lässt sich modular an unterschiedliche Einsatzzwecke anpassen.
Ist ein Wing nur für technische Taucher geeignet?
Nein. Wings stammen zwar aus dem technischen Tauchen, werden heute aber auch von vielen Sporttauchern genutzt. Die Wahl hängt von den persönlichen Vorlieben und dem Einsatzbereich ab.
Warum ist gute Tarierung so wichtig?
Sie erhöht die Sicherheit, reduziert den Luftverbrauch und hilft, empfindliche Unterwasserlebensräume nicht durch unbeabsichtigten Bodenkontakt oder Flossenschläge zu beschädigen.
Weiterführende Artikel
- Der Atemregler – Die Erfindung, die den Menschen frei unter Wasser machte
- Wing & Backplate – Warum ein modulares System entstand (vertiefender Technikartikel)
- Sidemount – Eine neue Art, Tauchflaschen zu tragen
- Avelo – Der nächste Evolutionsschritt oder nur eine Idee?
Quellen und weiterführende Literatur
- Historische Veröffentlichungen zur Entwicklung von Rettungs- und Tarierwesten.
- Fachliteratur zu Auftrieb, Gewichtsverteilung und neutraler Tarierung.
- Technische Dokumentationen zu Jackets, Wings und Backplates.
- Ausbildungsunterlagen zu Tarierung, Wasserlage und umweltschonendem Tauchen.
PASSEND ZUM THEMA
Mehr aus dem PressureHub
Automatisch verknüpft über passende Kategorien und Schlagwörter.
Passende Ausrüstung
PressureHub Shop
