Wing & Backplate – Die Geschichte des modularen Tarierungssystems

Wing & Backplate – Die Geschichte des modularen Tarierungssystems

PRESSUREHUB WISSEN · TAUCHGESCHICHTE

Wing & Backplate

Warum manchmal weniger Ausrüstung die bessere Lösung ist

Über viele Jahre galt das Jacket als der Standard im Sporttauchen. Doch mit anspruchsvolleren Tauchgängen entstand der Wunsch nach einer Ausrüstung, die einfacher, robuster und flexibler war. So entwickelte sich aus den Anforderungen von Höhlen- und Wracktauchern ein modulares System, das heute weit über das technische Tauchen hinaus genutzt wird.

Als das Jacket seinen Siegeszug antrat, schien die Entwicklung abgeschlossen.

Es bot:

  • Tarierung,
  • Flaschenaufnahme,
  • Bleitaschen,
  • Taschen,
  • Polsterung,
  • Komfort.

Mehr brauchte ein Taucher scheinbar nicht.

Doch mit Höhlen-, Wrack- und Tieftauchgängen zeigte sich:

Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.


Das Problem

Das klassische Jacket funktionierte hervorragend für Sporttaucher.

Mit zunehmender technischer Ausrüstung traten jedoch neue Herausforderungen auf.

  • Doppelgeräte wurden schwer.
  • Stage-Flaschen veränderten die Balance.
  • Viele feste Taschen wurden überflüssig.
  • Defekte einzelner Teile machten oft den Austausch des gesamten Jackets notwendig.
  • Unterschiedliche Tauchgänge erforderten unterschiedliche Konfigurationen.

Die Frage lautete deshalb:

Warum muss eigentlich alles fest miteinander vernäht sein?

Die Idee: Alles trennen

Ingenieure und Höhlentaucher gingen das Problem anders an.

Sie trennten die Funktionen voneinander.

Aus einem Jacket entstanden drei eigenständige Komponenten:

  • eine stabile Rückenplatte (Backplate),
  • ein Gurtband (Harness),
  • eine austauschbare Auftriebsblase (Wing).

Jedes Teil hatte nur noch eine Aufgabe.

Und genau dadurch wurde das Gesamtsystem flexibler.

Die Backplate

Die Rückenplatte bildet das Fundament des Systems.

Sie besteht meist aus Edelstahl, Aluminium oder auch Carbon.

Ihre Aufgaben:

  • stabile Verbindung zwischen Taucher und Flasche,
  • Aufnahme des Harness,
  • Befestigung des Wings,
  • zusätzlicher Ballast bei Edelstahl.

Das Erstaunliche:

Die Konstruktion ist denkbar einfach. Und genau deshalb so zuverlässig.

Das Harness

Während klassische Jackets viele verstellbare Schnallen besitzen, setzt das ursprüngliche Harness auf ein einziges durchgehendes Gurtband.

Warum?

Weniger bewegliche Teile bedeuten:

  • weniger Verschleiß,
  • weniger Fehlerquellen,
  • mehr Stabilität.

Heute gibt es neben dem klassischen Continuous Harness auch Komfort-Harness-Systeme mit Schnellverschlüssen, um unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Das Wing

Die eigentliche Tarierblase befindet sich ausschließlich hinter dem Taucher.

Dadurch bleibt die Brust frei und die Luft verteilt sich gleichmäßig hinter dem Rücken.

Das verbessert häufig:

  • die Wasserlage,
  • die Balance,
  • den Strömungswiderstand,
  • den Zugang zur Ausrüstung.

Für unterschiedliche Einsatzzwecke gibt es Wings mit verschiedenem Auftriebsvolumen – vom kompakten Reise-Wing bis zum großen Wing für Doppelgeräte.

wings entwicklung

Die drei Bausteine im Überblick

KomponenteAufgabe
BackplateStabile Basis, Flaschenaufnahme und je nach Material zusätzlicher Ballast
HarnessDirekte, feste Verbindung zwischen Taucher und System
WingAustauschbare Auftriebsblase für die Tarierung

Modular statt komplett neu kaufen

Einer der größten Vorteile eines Wing-Systems ist seine Modularität.

Ändern sich die Anforderungen, muss nicht das gesamte System ersetzt werden.

Stattdessen können einzelne Komponenten angepasst oder ausgetauscht werden.

Zum Beispiel:

  • größere oder kleinere Wing-Blase,
  • Edelstahl- gegen Aluminium-Backplate,
  • anderes Harness,
  • zusätzliche D-Ringe oder Zubehör.

Das verlängert die Nutzungsdauer erheblich und macht das System besonders nachhaltig.

Vom Spezialwerkzeug zum Allrounder

Wing & Backplate wurden ursprünglich für anspruchsvolle Höhlen- und Wracktauchgänge entwickelt.

Heute nutzen sie:

  • Sporttaucher,
  • Tec-Taucher,
  • Sidemount-Taucher mit angepassten Systemen,
  • Höhlentaucher,
  • Rebreather-Taucher.

Der Grund ist nicht Mode.

Sondern die Vielseitigkeit des Konzepts.

DIR – Einfluss auf modernes Tauchen

Mit der Entwicklung modularer Systeme entstand auch die DIR-Philosophie (Doing It Right).

Ihr Ziel war nicht, möglichst viel Ausrüstung mitzunehmen.

Sondern:

  • einfache Lösungen,
  • standardisierte Konfigurationen,
  • klare Abläufe,
  • hohe Team-Kompatibilität,
  • maximale Zuverlässigkeit.

Viele Elemente dieser Philosophie – etwa die Position von D-Ringen oder die Schlauchführung – haben heute weit über das technische Tauchen hinaus Einfluss auf moderne Ausrüstungskonzepte.

Ist Wing & Backplate nur etwas für Profis?

Nein.

Viele Hersteller bieten heute Systeme an, die sich ebenso für Einsteiger oder ambitionierte Sporttaucher eignen.

Entscheidend ist nicht der Ausbildungsstand, sondern die Frage:

Passt das System zum geplanten Einsatz und fühlt sich der Taucher damit wohl?

Es gibt nicht die eine richtige Lösung. Sowohl Jacket als auch Wing haben ihre Stärken – je nach Einsatzbereich und persönlichen Vorlieben.

Bedeutung für heutige Taucher

Wing & Backplate zeigen, dass Fortschritt nicht immer bedeutet, mehr Funktionen in ein Produkt zu integrieren.

Manchmal entsteht Fortschritt gerade dadurch, ein komplexes System in einfache, klar definierte Bausteine zu zerlegen.

Dieses Prinzip findet sich heute in vielen Bereichen moderner Tauchausrüstung wieder.

PressureHub Insight

Wing & Backplate sind nicht deshalb erfolgreich geworden, weil sie moderner aussehen.

Sie sind erfolgreich, weil sie einem einfachen Ingenieurprinzip folgen: Jede Komponente übernimmt genau eine Aufgabe – und genau das macht das Gesamtsystem flexibel, langlebig und anpassbar.

Ob Jacket oder Wing besser passt, hängt letztlich vom Taucher und seinen Anforderungen ab – nicht von einer allgemeinen Regel.

Interessante Fakten

  • Die ersten Wing-Systeme entstanden aus den Anforderungen des Höhlen- und Wracktauchens.
  • Eine Edelstahl-Backplate kann je nach Modell etwa 2 bis 3 Kilogramm Blei ersetzen.
  • Viele Wing-Systeme können über Jahre genutzt und schrittweise erweitert werden.
  • Das klassische Continuous Harness besteht aus einem einzigen durchgehenden Gurtband.
  • Modulare Systeme ermöglichen es, einzelne Komponenten auszutauschen, ohne die gesamte Ausrüstung ersetzen zu müssen.

Häufige Fragen zu Wing & Backplate

Was ist der Unterschied zwischen Jacket und Wing?

Beim Jacket sind Tarierblase, Tragesystem und oft auch Taschen fest miteinander verbunden. Ein Wing-System trennt diese Funktionen in einzelne Komponenten und lässt sich dadurch flexibel anpassen.

Brauche ich als Sporttaucher ein Wing?

Nicht unbedingt. Viele Sporttaucher kommen mit einem klassischen Jacket sehr gut zurecht. Ein Wing kann jedoch Vorteile bei Wasserlage, Modularität und langfristiger Anpassbarkeit bieten.

Warum besteht das ursprüngliche Harness nur aus einem Gurtband?

Ein durchgehendes Gurtband reduziert bewegliche Teile und damit mögliche Schwachstellen. Gleichzeitig sorgt es für eine stabile Verbindung zwischen Taucher und Ausrüstung.

Kann ich ein Wing-System später erweitern?

Ja. Genau das ist einer seiner größten Vorteile. Backplate, Wing, Harness und Zubehör lassen sich oft unabhängig voneinander austauschen oder an neue Anforderungen anpassen.

Weiterführende Artikel

Quellen und weiterführende Literatur

  • Fachliteratur zur Entwicklung modularer Tarierungssysteme.
  • Veröffentlichungen zu Höhlen-, Wrack- und technischem Tauchen.
  • Technische Dokumentationen zu Backplates, Harness-Systemen und Wing-Blasen.
  • Ausbildungsunterlagen zu DIR-Konfiguration, Wasserlage und modularer Ausrüstung.

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