Sidemount-Tauchen – Vom Höhlentauchen zum modernen Tauchsystem

Sidemount-Tauchen – Vom Höhlentauchen zum modernen Tauchsystem

PRESSUREHUB WISSEN · TAUCHGESCHICHTE

Sidemount

Als Höhlentaucher ihre Flaschen von den Schultern nahmen

Lange Zeit galt das Doppelgerät auf dem Rücken als die beste Lösung für anspruchsvolle Tauchgänge. Doch in engen Unterwasserhöhlen zeigte sich schnell: Manchmal wird genau diese Stärke zum größten Hindernis. Aus diesem Problem entstand eine völlig neue Art, Tauchflaschen zu tragen – und eine der wichtigsten Entwicklungen des modernen technischen Tauchens.

Nach der Entwicklung von Wing und Backplate schien die ideale Tauchausrüstung gefunden.

Stabil. Modular. Robust.

Doch dann kamen die Höhlentaucher.

Sie wollten dorthin, wo kein Doppelgerät mehr hindurchpasste.

Plötzlich lautete die entscheidende Frage:

Warum müssen Tauchflaschen eigentlich auf dem Rücken getragen werden?

Diese einfache Frage veränderte das technische Tauchen nachhaltig.


Das Problem

Höhlen sind keine offenen Seen.

Sie sind eng. Verzweigt.

Teilweise nur wenige Zentimeter breiter als ein Taucher.

Ein klassisches Doppelgerät machte viele Passagen schlicht unpassierbar.

Selbst wenn genügend Atemgas vorhanden war, konnte der Taucher die Engstelle nicht überwinden.

Die Ausrüstung war zu breit.

Die ersten Ideen

Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren begannen britische Höhlentaucher mit ungewöhnlichen Lösungen.

In den überfluteten Höhlen Großbritanniens mussten sie ihre Ausrüstung häufig durch extrem enge Passagen bewegen.

Sie lösten die Flaschen vom Rücken.

Und befestigten sie seitlich am Körper.

So konnten sie einzelne Flaschen sogar vor sich herschieben oder durch Engstellen separat transportieren.

Sidemount entstand also nicht aus Komfort. Sondern aus der Notwendigkeit.

Von der Improvisation zum System

Lange Zeit blieb Sidemount eine Speziallösung für Höhlentaucher.

Jeder entwickelte seine eigene Konfiguration.

Erst in den 1990er- und 2000er-Jahren entstanden standardisierte Systeme.

Besonders Taucher wie Lamar Hires und später Steve Bogaerts trugen dazu bei, Sidemount weiterzuentwickeln und an unterschiedliche Einsatzbereiche anzupassen.

Aus improvisierten Gurten wurden durchdachte Harness-Systeme mit definierten Befestigungspunkten, Bungees und optimierter Schlauchführung.

Warum zwei Flaschen an der Seite?

Auf den ersten Blick wirkt Sidemount ungewohnt.

Tatsächlich löst diese Konfiguration mehrere Probleme gleichzeitig.

Die Flaschen:

  • lassen sich einzeln anlegen,
  • können unter Wasser leichter gehandhabt werden,
  • verbessern den Zugang zu Ventilen,
  • verteilen das Gewicht gleichmäßiger,
  • ermöglichen das Passieren enger Engstellen.

Gerade in Höhlen oder Wracks ist das ein entscheidender Vorteil.

sidemount entwicklung

Sidemount im Überblick

MerkmalTypischer Vorteil
Seitliche FlaschenpositionSchmalere Silhouette und besserer Ventilzugang
Einzelnes An- und AblegenErleichtert schwierige Einstiege und enge Passagen
Modulares HarnessAnpassbar an Körper, Flaschen und Einsatzbereich
Getrennte GasvorräteJede Flasche besitzt in der Regel einen eigenen Regler und ein eigenes Finimeter

Mehr als nur Höhlentauchen

Mit der Zeit erkannten auch Sport- und Tec-Taucher die Vorteile.

Heute wird Sidemount unter anderem genutzt für:

  • Höhlentauchen,
  • Wracktauchen,
  • technische Ausbildung,
  • Reisen mit kleineren Flaschen,
  • Taucher mit Rückenproblemen,
  • Fotografen und Unterwasserfilmer, die eine besonders stromlinienförmige Wasserlage schätzen.

Sidemount hat sich damit von einer Speziallösung zu einer etablierten Konfiguration entwickelt.

Balance statt Ballast

Ein wesentlicher Unterschied zum klassischen Rückenaufbau liegt in der Gewichtsverteilung.

Die Flaschen befinden sich nahe am Körperschwerpunkt.

Dadurch entsteht häufig eine sehr stabile horizontale Wasserlage.

Zusammen mit einem Wing-System bildet Sidemount eine ausgesprochen stromlinienförmige Konfiguration.

Das reduziert den Wasserwiderstand und erleichtert präzises Schweben.

Neue Anforderungen

Sidemount brachte jedoch auch neue Herausforderungen mit sich.

Der Taucher muss lernen:

  • beide Atemregler regelmäßig zu wechseln,
  • den Gasvorrat beider Flaschen im Blick zu behalten,
  • die Flaschen während des Tauchgangs neu zu positionieren,
  • die Schlauchführung sauber zu organisieren.

Sidemount ist daher keine „einfachere“ Konfiguration – sondern eine andere.

Sie erfordert eine entsprechende Ausbildung und regelmäßige Übung.

Vom Höhlensystem in die Tauchschule

Was einst ausschließlich Höhlentauchern vorbehalten war, gehört heute zum Ausbildungsangebot vieler Verbände.

Sidemount-Kurse vermitteln nicht nur den Umgang mit der Ausrüstung, sondern auch Themen wie Gasmanagement, Trimm und Konfigurationsanpassung.

Damit ist Sidemount heute ein fester Bestandteil des modernen Sport- und technischen Tauchens.

Bedeutung für heutige Taucher

Sidemount zeigt eindrucksvoll, wie Innovation entsteht.

Nicht im Labor.

Sondern dort, wo Menschen auf reale Probleme stoßen.

Die Frage lautete nie:

„Wie bauen wir etwas Neues?“

Sondern:

„Wie kommen wir durch diese Höhle?“

Die Antwort veränderte die Tauchausrüstung dauerhaft.

PressureHub Insight

Sidemount ist kein Ersatz für das Doppelgerät – und das Doppelgerät ist kein Ersatz für Sidemount.

Beide Systeme entstanden, um unterschiedliche Herausforderungen zu lösen. Die Wahl hängt deshalb nicht davon ab, welches Konzept „besser“ ist, sondern welches besser zum geplanten Tauchgang passt.

Genau dieses Denken – die Ausrüstung an die Aufgabe anzupassen – prägt das moderne technische Tauchen bis heute.

Interessante Fakten

  • Die ersten Sidemount-Konfigurationen entstanden in den engen Höhlen Großbritanniens.
  • Moderne Systeme wurden unter anderem durch Lamar Hires und Steve Bogaerts entscheidend weiterentwickelt.
  • Jede Flasche besitzt in der Regel einen eigenen Atemregler und ein eigenes Finimeter.
  • Sidemount ermöglicht das An- und Ablegen einzelner Flaschen – ein Vorteil bei schwierigen Einstiegen oder Bootstauchgängen.
  • Viele heutige Sidemount-Harness-Systeme sind vollständig modular aufgebaut.

Häufige Fragen zum Sidemount-Tauchen

Warum wurde Sidemount entwickelt?

Sidemount entstand, weil klassische Doppelgeräte in engen Höhlenpassagen oft zu breit waren. Seitlich getragene Flaschen ermöglichten das sichere Passieren solcher Engstellen.

Ist Sidemount nur etwas für Höhlentaucher?

Nein. Heute wird Sidemount auch im Wracktauchen, im technischen Tauchen und zunehmend im Sporttauchen eingesetzt.

Ist Sidemount einfacher als ein Doppelgerät?

Nicht unbedingt. Die Konfiguration erfordert eine andere Ausrüstungshandhabung und ein angepasstes Gasmanagement. Mit einer entsprechenden Ausbildung lässt sich das System jedoch sicher und effizient nutzen.

Wer hat das moderne Sidemount geprägt?

Die Entwicklung war das Ergebnis vieler Höhlentaucher. Besonders Lamar Hires und Steve Bogaerts trugen wesentlich dazu bei, aus improvisierten Lösungen standardisierte Systeme zu entwickeln.

Weiterführende Artikel

Quellen und weiterführende Literatur

  • Historische Veröffentlichungen zum britischen Höhlen- und Sumpftauchen.
  • Fachliteratur zur Entwicklung moderner Sidemount-Konfigurationen.
  • Ausbildungsunterlagen zu Gasmanagement, Trimm und Schlauchführung im Sidemount-Tauchen.
  • Technische Dokumentationen zu modularen Sidemount-Harness- und Wing-Systemen.
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