Rebreather – Wie Kreislaufgeräte das Tauchen neu definierten


PRESSUREHUB WISSEN · TAUCHGESCHICHTE
Der Rebreather
Warum wir seit 80 Jahren den größten Teil unserer Atemluft verschwenden
Seit der Aqua-Lung atmen Taucher nach demselben Prinzip: Ein Atemzug hinein – ein Atemzug hinaus. Doch dabei geht der größte Teil des wertvollen Atemgases ungenutzt verloren. Der Rebreather stellt dieses Grundprinzip infrage. Statt ständig neues Gas zu verbrauchen, bereitet er die Ausatemluft auf und nutzt sie erneut. Damit gehört er zu den größten technischen Entwicklungen seit der Erfindung des modernen Atemreglers.
1943 veränderten Jacques-Yves Cousteau und Émile Gagnan das Tauchen.
Die Aqua-Lung machte den Menschen unabhängig von der Oberfläche.
Mehr als 80 Jahre später nutzen Millionen Taucher weltweit noch immer dasselbe Grundprinzip.
-> Einatmen.
-> Ausatmen.
Und die gesamte Ausatemluft verschwindet als Blasen im Wasser.
Doch genau hier stellt sich eine faszinierende Frage:
Warum werfen wir bei jedem Atemzug den größten Teil unserer Atemluft einfach weg?
Das Problem
Viele Taucher glauben, dass ihre Flasche voller Sauerstoff ist.
Tatsächlich besteht Pressluft zu rund:
- 21 % Sauerstoff,
- 78 % Stickstoff,
- etwa 1 % anderen Gasen.
Der menschliche Körper nutzt davon jedoch nur einen kleinen Teil.
Beim Ausatmen enthält die Luft immer noch ungefähr 16 bis 17 % Sauerstoff.
Mit anderen Worten:
Der größte Teil des Sauerstoffs wird gar nicht verbraucht. Und trotzdem entsorgen wir den gesamten Atemzug.
Eine Idee, die älter ist als viele denken
Der Gedanke, Atemgas wiederzuverwenden, ist keineswegs neu.
Bereits im 19. Jahrhundert experimentierten Ingenieure mit geschlossenen Atemsystemen.
Später entwickelten Unternehmen wie Dräger Kreislaufgeräte für Bergbau, Rettungsdienste und militärische Anwendungen.
Diese Systeme ermöglichten lange Einsatzzeiten und vor allem eines:
Sie erzeugten kaum oder gar keine sichtbaren Blasen.
Für militärische Taucher war das ein entscheidender Vorteil.

Wie funktioniert ein Rebreather?
Das Grundprinzip ist erstaunlich elegant.
Anstatt die Ausatemluft ins Wasser abzugeben, geschieht Folgendes:
- Die ausgeatmete Luft bleibt im Atemkreislauf.
- Ein Atemkalk entfernt das Kohlendioxid (CO₂).
- Sensoren überwachen den Sauerstoffgehalt.
- Fehlender Sauerstoff wird gezielt ergänzt.
- Der Taucher atmet das aufbereitete Gas erneut ein.
Im Gegensatz zum offenen System wird also nur das ersetzt, was der Körper tatsächlich verbraucht hat.
Warum ist das so effizient?
Ein offenes Atemsystem muss ständig große Mengen Gas liefern.
Ein Rebreather ersetzt dagegen hauptsächlich den verbrauchten Sauerstoff.
Dadurch ergeben sich mehrere Vorteile:
- deutlich längere Tauchzeiten,
- geringerer Gasverbrauch,
- optimierte Atemgasmischung,
- weniger Dekompressionsbelastung bei vielen Profilen,
- nahezu lautloses Tauchen.
Gerade bei langen Höhlen-, Wrack- oder Expeditionstauchgängen verändert das die Möglichkeiten erheblich.
Keine Blasen – mehr als nur ein schöner Effekt
Für viele Unterwasserfotografen ist der fehlende Blasenstrom ein großer Vorteil.
Fische bleiben ruhiger.
Empfindliche Tiere werden weniger gestört.
Auch bei wissenschaftlichen Arbeiten oder Tierbeobachtungen ermöglicht dies oft ein natürlicheres Verhalten der Unterwasserwelt.
Was ursprünglich ein militärischer Vorteil war, kommt heute also auch Forschung und Naturschutz zugute.
Warum taucht dann nicht jeder mit einem Rebreather?
Wenn Rebreather so viele Vorteile bieten, warum nutzen die meisten Sporttaucher weiterhin offene Systeme?
Die Antwort ist einfach:
Komplexität.
Ein Rebreather besitzt deutlich mehr Komponenten.
Dazu gehören unter anderem:
- Sauerstoffsensoren,
- Atemkalk,
- Elektronik,
- mehrere Gasversorgungssysteme,
- aufwendige Vorbereitungs- und Kontrollschritte.
Der Taucher übernimmt dadurch zusätzliche Verantwortung.
Fehler können schwerwiegende Folgen haben.
Deshalb erfordert das Tauchen mit einem Rebreather eine spezielle Ausbildung, konsequente Checklisten und regelmäßiges Training.
eCCR oder mCCR?
Heute unterscheidet man hauptsächlich zwischen zwei Bauarten.
| Bauart | Steuerung |
|---|---|
| eCCR | Elektronische Regelung des Sauerstoffpartialdrucks mithilfe von Sensoren und Magnetventilen |
| mCCR | Manuelle Überwachung und Ergänzung des Sauerstoffs durch den Taucher |
Beide Systeme verfolgen dasselbe Ziel – unterscheiden sich jedoch in der Art der Steuerung und den Anforderungen an den Taucher.
Hat der Rebreather das Gerätetauchen verändert?
Ja.
Vielleicht stärker als jede andere Entwicklung seit Cousteau.
Nicht weil er den Atemregler ersetzt.
Sondern weil er dessen Grundprinzip hinterfragt.
Plötzlich lautet die Frage nicht mehr:
„Wie bekommen wir mehr Atemgas?“
Sondern:
„Wie nutzen wir das vorhandene Atemgas intelligenter?“
Damit verändert sich das gesamte Denken über das Tauchen.
Bedeutung für heutige Taucher
Auch wenn die meisten Sporttaucher weiterhin mit offenen Systemen tauchen, hat der Rebreather die Grenzen des Machbaren erheblich erweitert.
Viele heutige Rekordtauchgänge, lange Höhlenexpeditionen, wissenschaftliche Projekte und Tiefseeerkundungen wären ohne Kreislaufgeräte kaum denkbar.
PressureHub Insight
Der Rebreather ist keine Weiterentwicklung des Atemreglers – er ist eine neue Denkweise.
Statt immer mehr Atemgas mitzunehmen, nutzt er das vorhandene Gas deutlich effizienter. Damit verschiebt sich der Fokus von der reinen Gasversorgung hin zu einem intelligenten Atemgasmanagement.
Gleichzeitig erfordert diese Technik ein hohes Maß an Ausbildung, Disziplin und Verständnis für das eigene System.
Interessante Fakten
- Der Mensch verbraucht pro Atemzug nur einen Teil des eingeatmeten Sauerstoffs.
- Moderne Rebreather können Tauchzeiten ermöglichen, die mit offenen Systemen nur mit sehr großen Gasvorräten erreichbar wären.
- Der Atemkalk bindet das ausgeatmete Kohlendioxid chemisch und macht die Atemluft erneut nutzbar.
- Militär, Forschung und Höhlenexpeditionen gehörten zu den ersten großen Einsatzgebieten von Kreislaufgeräten.
- Rebreather reduzieren Blasenbildung und Geräuschentwicklung erheblich.
Häufige Fragen zum Rebreather
Was ist ein Rebreather?
Ein Rebreather ist ein Kreislaufgerät, das die Ausatemluft aufbereitet. Kohlendioxid wird entfernt und verbrauchter Sauerstoff ersetzt, sodass das Atemgas mehrfach genutzt werden kann.
Warum verbraucht ein Rebreather weniger Gas?
Im Gegensatz zum offenen System wird nicht die gesamte Ausatemluft abgegeben. Es wird überwiegend nur der Sauerstoff ergänzt, den der Körper tatsächlich verbraucht.
Warum sind Rebreather anspruchsvoller?
Sie besitzen zusätzliche Komponenten wie Sensoren, Atemkalk und Regelungssysteme. Der sichere Betrieb erfordert eine spezielle Ausbildung, sorgfältige Vorbereitung und konsequente Checklisten.
Sind Rebreather besser als offene Systeme?
Nicht grundsätzlich. Beide Systeme haben ihre Stärken. Offene Systeme sind einfacher aufgebaut und robuster im Alltag. Rebreather bieten Vorteile bei langen oder anspruchsvollen Tauchgängen, verlangen dafür aber mehr Wissen, Training und Disziplin.
Weiterführende Artikel
- Der Atemregler – Die Erfindung, die den Menschen frei unter Wasser machte
- Bill Stone – Der Ingenieur des modernen Höhlentauchens
- Jill Heinerth – Expeditionen in die letzten unbekannten Höhlen der Erde
- Avelo – Der nächste Evolutionsschritt oder nur eine Idee? (folgt)
Quellen und weiterführende Literatur
- Historische Veröffentlichungen zu geschlossenen Atemsystemen und Dräger-Kreislaufgeräten.
- Fachliteratur zu CCR-, eCCR- und mCCR-Systemen.
- Ausbildungsunterlagen zu Sauerstoffpartialdruck, Atemkalk und Rebreather-Checklisten.
- Technische Dokumentationen moderner Kreislaufgeräte für Forschung, Militär und technisches Tauchen.
