Immersions-Lungenödem beim Tauchen: Symptome erkennen und richtig reagieren

Immersions-Lungenödem beim Tauchen: Symptome erkennen und richtig reagieren

Plötzliche Atemnot unter Wasser ist ein ernstes Warnzeichen. Neben Problemen mit dem Atemregler, Überanstrengung oder anderen medizinischen Ursachen kommt dabei eine Erkrankung infrage, die unter Sporttauchern vergleichsweise wenig bekannt ist: das Immersions-Lungenödem, international meist als IPO (Immersion Pulmonary Oedema) oder IPE (Immersion Pulmonary Edema) bezeichnet.

Dabei sammelt sich Flüssigkeit in der Lunge, obwohl der betroffene Taucher kein Wasser eingeatmet haben muss. Das kann den Gasaustausch erheblich beeinträchtigen und in schweren Fällen lebensbedrohlich werden.

Für Taucher ist deshalb vor allem wichtig, mögliche Warnzeichen zu erkennen, den Tauchgang nicht unnötig fortzusetzen und die Beschwerden anschließend medizinisch abklären zu lassen. 

Wichtig: Dieser Beitrag dient der tauchmedizinischen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Akute Atemnot während oder nach einem Tauchgang ist ein medizinisches Warnzeichen.

Was ist ein Immersions-Lungenödem?

Bei einem Lungenödem tritt Flüssigkeit aus den Blutgefäßen in das Lungengewebe und teilweise bis in die Lungenbläschen über. Dort behindert sie den normalerweise sehr effizienten Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid.

Beim Immersions-Lungenödem tritt dieser Vorgang im Zusammenhang mit dem Eintauchen des Körpers in Wasser auf. Betroffen sein können nicht nur Gerätetaucher, sondern beispielsweise auch Schnorchler, Apnoetaucher und Freiwasserschwimmer. 

Ein wichtiger Unterschied zum Ertrinken ist:

Die Flüssigkeit gelangt nicht von außen durch das Einatmen von Wasser in die Lunge, sondern stammt aus dem eigenen Gefäßsystem. 

Das bedeutet auch: Ein Taucher kann während des gesamten Tauchgangs aus einem funktionierenden Atemregler geatmet und trotzdem ein Lungenödem entwickelt haben.

Was passiert beim Eintauchen in den Körper?

Schon das Eintauchen in Wasser verändert den Kreislauf.

Der Wasserdruck komprimiert insbesondere die Blutgefäße der Extremitäten. Dadurch wird Blut aus der Körperperipherie stärker in Richtung Brustkorb verlagert. Das zentrale Blutvolumen und die Füllungsdrücke des Herzens steigen.

Damit erhöht sich auch die Belastung der Gefäße in der Lunge. Gleichzeitig kann das Atmen unter Wasser negative Druckverhältnisse in den Atemwegen erzeugen. Beim Gerätetauchen spielen dabei unter anderem Atemwiderstand, Position des Tauchers und die mit zunehmendem Umgebungsdruck steigende Gasdichte eine Rolle.

Treffen ungünstige Faktoren zusammen, kann der Druckunterschied zwischen Lungenkapillaren und Lungenbläschen so groß werden, dass Flüssigkeit aus den Gefäßen in das Lungengewebe übertritt. 

Warum bekommt dann nicht jeder Taucher ein IPO?

Die beschriebenen Kreislaufveränderungen treten grundsätzlich bei jedem Menschen im Wasser auf. Ein klinisch relevantes Immersions-Lungenödem ist dagegen vergleichsweise selten.

Das zeigt, dass normalerweise mehrere Faktoren zusammenkommen müssen und dass eine individuelle Anfälligkeit eine Rolle spielt. Wiederholte Ereignisse bei einzelnen Betroffenen sprechen ebenfalls für eine solche Prädisposition. 

Welche Faktoren erhöhen das Risiko?

Zu den in der Fachliteratur beschriebenen Risikofaktoren beziehungsweise begünstigenden Faktoren gehören unter anderem:

  • ein bereits früher aufgetretenes Immersions-Lungenödem,
  • höheres Lebensalter,
  • Bluthochdruck und bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
  • kaltes Wasser,
  • hohe körperliche Belastung sowie
  • erhöhte Atemarbeit, beispielsweise durch hohe Gasdichte oder ungünstige Atemwiderstände. 

Auch das weibliche Geschlecht wird in Studien als Risikofaktor beschrieben. DAN nennt darüber hinaus unter anderem die Einnahme nichtsteroidaler Entzündungshemmer (NSAIDs) als möglichen Faktor. 

Und was ist mit zu viel Trinken?

Übermäßige Flüssigkeitsaufnahme wird häufig als möglicher Risikofaktor für IPO genannt und findet sich auch im aktuellen gemeinsamen Positionspapier von SPUMS und UKDMC. Die Datenlage ist allerdings weniger eindeutig als beispielsweise bei Kälte, Belastung oder Bluthochdruck; DAN weist darauf hin, dass die von ihnen betrachteten Studien einen statistischen Zusammenhang mit Überhydration nicht bestätigen konnten. 

Daraus sollte deshalb nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass Taucher sich vor dem Tauchen bewusst dehydrieren sollten.

Eine normale, angemessene Flüssigkeitsversorgung bleibt sinnvoll.

Welche Symptome können auftreten?

Ein IPO kann sich während des Tauchgangs oder im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Aufenthalt im Wasser entwickeln.

d74d20b5 4cb1 4d54 90df 30f6e0a9b8ee
Taucher mit Atemnot

Typische Beschwerden sind insbesondere ungewöhnliche oder zunehmende Atemnot und Husten. Zusätzlich können ein Engegefühl im Brustkorb, ungewöhnliche Erschöpfung, beschleunigte Atmung, pfeifende oder rasselnde Atemgeräusche und in ausgeprägten Fällen schaumiger beziehungsweise rosafarbener oder blutiger Auswurf auftreten. 

Nicht alle Symptome müssen gleichzeitig vorhanden sein.

Das macht die Situation unter Wasser schwierig: Eine plötzlich erhöhte Atemarbeit kann zunächst wie ein Problem mit dem Atemregler, schlechte Kondition, Stress oder Überanstrengung wirken.

Warum kann sich die Situation beim Aufstieg verschlechtern?

Ein interessanter tauchspezifischer Aspekt ist, dass sich eine bereits bestehende Sauerstoffunterversorgung beim Aufstieg bemerkbar machen oder verstärken kann.

Mit abnehmendem Umgebungsdruck sinkt bei offenem Gerät auch der inspiratorische Sauerstoffpartialdruck. Ein Taucher mit bereits eingeschränktem Gasaustausch kann deshalb beim Aufstieg oder unmittelbar nach dem Auftauchen deutlich symptomatischer werden. 

Dass ein Taucher die Tiefe noch scheinbar gut toleriert, bedeutet daher nicht automatisch, dass die Situation harmlos ist.

Was tun bei Verdacht auf ein Immersions-Lungenödem?

Atemnot unter Wasser sollte nicht „weggetaucht“ werden.

Bei einem begründeten Verdacht auf IPO sollte der Tauchgang beendet und kontrolliert aufgetaucht werden. Das gemeinsame Positionspapier von SPUMS und UKDMC empfiehlt, einen Sicherheitsstopp in dieser Situation auszulassen. Eine eventuell bestehende Dekompressionsverpflichtung macht die Situation komplexer und erfordert eine Abwägung der unmittelbaren Gefahren. 

An der Oberfläche sollte der betroffene Taucher:

  1. positive Tarierung herstellen,
  2. körperliche Belastung möglichst reduzieren,
  3. so bald wie sicher möglich aus dem Wasser gebracht werden,
  4. Sauerstoff erhalten, sofern verfügbar und entsprechend geschulte Helfer vorhanden sind,
  5. medizinisch beurteilt werden. 
a13762d6 41d8 4671 a8b0 5d3975a32f83
Sauerstoffgabe an der Oberfläche

Bei ausgeprägter Atemnot handelt es sich um einen medizinischen Notfall.

Auch wenn sich die Beschwerden nach dem Verlassen des Wassers schnell bessern, sollte ein vermutetes IPO nicht einfach als erledigt betrachtet werden.

Kann man IPO mit Dekompressionskrankheit verwechseln?

Die Differentialdiagnose kann schwierig sein.

Atemnot während oder nach einem Tauchgang kann zahlreiche Ursachen haben. Dazu gehören beispielsweise Aspiration beziehungsweise Ertrinkungsereignisse, Herzprobleme, Atemwegserkrankungen, Lungenbarotrauma oder tauchbedingte Erkrankungen.

Das gemeinsame Positionspapier weist deshalb darauf hin, dass die Diagnose IPO nicht allein anhand eines einzelnen Symptoms gestellt werden kann. Die Umstände des Tauchgangs, der zeitliche Verlauf, klinische Untersuchung und gegebenenfalls weitere Diagnostik müssen zusammen betrachtet werden. 

Für den Buddy oder Tauchpartner ist die exakte Diagnose unter Wasser ohnehin zweitrangig.

Plötzlich auftretende erhebliche Atemnot ist unabhängig von ihrer Ursache ein Grund, den Tauchgang zu beenden und angemessen zu reagieren.

Kann auch ein junger und fitter Taucher betroffen sein?

Ja.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen und höheres Alter können das Risiko erhöhen, aber IPO wurde auch bei gesunden und körperlich leistungsfähigen Menschen beschrieben. Die Erkrankung ist beispielsweise auch aus dem militärischen Schwimmen, Freiwasserschwimmen und Triathlon bekannt. 

Eine gute körperliche Fitness bietet deshalb keinen vollständigen Schutz.

Gleichzeitig sollte daraus nicht der Eindruck entstehen, IPO sei bei jedem Tauchgang wahrscheinlich. Entscheidend ist vielmehr, die Erkrankung als eine mögliche Ursache plötzlich auftretender Atemprobleme zu kennen.

Welche Rolle spielen Kälte und Anstrengung?

Beide Faktoren sind für das Tauchen besonders relevant.

Kälte führt zu einer Verengung peripherer Blutgefäße und kann dadurch die Verlagerung von Blut in Richtung Brustkorb weiter verstärken. Körperliche Anstrengung erhöht gleichzeitig die Anforderungen an Herz, Kreislauf und Atmung. 

Eine ungünstige Kombination wäre beispielsweise ein Taucher, der in kaltem Wasser mit schwerer Ausrüstung gegen Strömung schwimmt und dabei eine hohe Atemarbeit leisten muss.

Das bedeutet nicht, dass eine solche Situation zwangsläufig zu einem IPO führt. Sie vereint aber mehrere bekannte Belastungsfaktoren.

Welche Rolle spielt der Atemregler?

Ein korrekt funktionierender Atemregler verursacht nicht automatisch ein IPO.

Relevant ist vielmehr die Atemarbeit. Muss ein Taucher stark gegen einen erhöhten inspiratorischen Widerstand arbeiten, entstehen stärkere negative Drücke im Brustkorb. Auch die mit zunehmender Tiefe steigende Gasdichte erhöht grundsätzlich die Atemarbeit.

Diese Mechanismen können bei entsprechend anfälligen Personen zur Entstehung eines IPO beitragen. 

Das ist ein weiterer Grund, weshalb ein gut gewartetes, für die jeweiligen Bedingungen geeignetes Atemsystem und eine vernünftige Begrenzung der körperlichen Belastung wichtige Bestandteile der Tauchgangsplanung sind.

Nach einem IPO wieder tauchen?

Dieser Punkt ist besonders wichtig.

Ein bereits erlebtes IPO gehört zu den bekannten Risikofaktoren für ein erneutes Ereignis. Deshalb sollte nach einem vermuteten oder bestätigten IPO eine ärztliche Untersuchung durch einen in Tauchmedizin erfahrenen Arzt erfolgen. 

Das gemeinsame Positionspapier von SPUMS und UKDMC geht dabei deutlich weiter als ältere, teilweise weniger restriktive Empfehlungen: Die Fachgesellschaften raten nach einer Episode eines IPO ausdrücklich von weiterem Gerätetauchen mit komprimiertem Atemgas ab. Das Positionspapier sieht nur eng begrenzte Ausnahmen nach spezialisierter tauchmedizinischer Beurteilung und umfassender Untersuchung vor. 

Die Entscheidung über eine zukünftige Tauchtauglichkeit gehört daher nicht in die Eigenbeurteilung des Tauchers.

Was können Taucher daraus mitnehmen?

Ein Immersions-Lungenödem ist selten, aber potenziell lebensbedrohlich. Das wichtigste Wissen für den Tauchalltag lässt sich auf wenige Grundsätze reduzieren:

Plötzlich auftretende Atemnot unter Wasser ist niemals normal.

Sie sollte nicht als mangelnde Fitness abgetan und nicht dadurch beantwortet werden, dass der Taucher versucht, „noch ein paar Minuten durchzuhalten“.

Gleichzeitig können vernünftige Tauchgangsplanung, angemessene körperliche Belastung, geeignete und gut funktionierende Ausrüstung sowie die Beachtung bekannter gesundheitlicher Risikofaktoren dazu beitragen, vermeidbare Belastungen zu reduzieren.

Und vor allem gilt:

Du musst unter Wasser nicht wissen, ob Atemnot durch IPO, Ausrüstung, Überanstrengung oder eine andere Erkrankung verursacht wird, um die richtige erste Entscheidung zu treffen: Ein ernsthaftes Atemproblem ist ein Grund, den Tauchgang zu beenden.


Quellen und weiterführende Informationen

Der Beitrag kann sich redaktionell insbesondere auf das Joint Position Statement on Immersion Pulmonary Oedema and Diving von SPUMS und UKDMC (2024), die medizinischen Informationen des Divers Alert Network (DAN) sowie den aktuellen SDI/TDI-Beitrag von Mark Powell stützen. 

SPUMS/UKDMC – Joint Position Statement 2024 (PDF)⁠
Divers Alert Network – Immersion Pulmonary Edema⁠
SDI/TDI – Immersion Pulmonary Oedema⁠